Ein konzentrierter Blick, vorsichtiges Falten, ein beherzter Schnitt mit „Otto“ und schließlich Nadel und Faden: Manchmal braucht es nicht viel, um etwas Bleibendes zu schaffen. Sechs Kinder dem Bethanien Kinder- und Jugenddorf Eltville waren zu Gast in der Buchbindereiwerkstatt der Abtei St. Hildegard. Gemeinsam mit Sr. Placida tauchten sie in die faszinierende Welt des traditionellen Buchbinderhandwerks ein.
Der erste Arbeitsschritt: Das Papier in Laufrichtung biegen. Anschließend wird es mit „Otto“, der großen schwarzen Pappschere, sauber zugeschnitten. Neben Otto gehört auch die Hebeschneidemaschine „Elvira“ zur Werkstatt. „Ich gebe allen meinen Maschinen Namen“, erzählt Sr. Placida schmunzelnd. Danach werden mit einer Ahle drei Löcher in die Papierlagen gestochen, durch die schließlich mit kräftigem Buchbindezwirn genäht wird. So entsteht Seite für Seite ein kleines Erinnerungsheft, das die Kinder mit nach Hause nehmen dürfen. „Sr. Placida, kannst du mir helfen? Die Blätter sind nicht gerade“, ruft Norman, während die siebenjährige Amalia ihr Krönchen zurechtrückt und sich entschlossen für ein buntes Einbandpapier mit Bienen entscheidet. „Das wird meiner Mama bestimmt gefallen“, sagt sie stolz.
Für Sr. Placida ist das Buchbinden weit mehr als ein Handwerk. Die Ordensfrau ist ursprünglich Sozialassistentin mit Schwerpunkt Heilerziehungspflege. Mit 20 Jahren trat sie in die Abtei St. Hildegard ein und entschied sich zehn Jahre später noch einmal für einen zusätzlichen beruflichen Weg: Sie absolvierte im dualen System eine Ausbildung zur Buchbinderin. Heute betreut sie das Bücheratelier, das zur Restaurierungswerkstatt der Abtei gehört und von Sr. Dorothea geleitet wird.
Mit viel Geduld, Humor und großer Fachkenntnis führte Sr. Placida die Kinder durch den Workshop. Dabei vermittelte sie nicht nur traditionelle Arbeitstechniken, sondern machte erfahrbar, wie aus Sorgfalt, Zeit und handwerklichem Geschick etwas Einzigartiges entsteht. Der für das Kinderdorf kostenfreie Workshop war Sr. Placida eine besondere Herzensangelegenheit. „Ich wollte den Kindern einen Nachmittag schenken, an dem sie etwas mit den eigenen Händen erschaffen, Neues entdecken und stolz auf ihr Werk sein können“, sagt sie.
Für die Kinder des Bethanien Kinder- und Jugenddorfs Eltville sind solche Erlebnisse von besonderem Wert. Amalia und Norman gehören zu den derzeit rund 180 Kindern und Jugendlichen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht bei ihren leiblichen Familien leben können. „Gemeinsame Unternehmungen wie der Besuch im Bücheratelier oder auch gemeinsames Musizieren oder Spielen schweißen zusammen. Sie stärken das Selbstbewusstsein der Kinder und helfen ihnen, an die eigenen Fähigkeiten zu glauben“, erklärt Kinderdorfleiter Thomas Kunz.
Als die letzten Fäden vernäht und die bunten Einbände geschlossen sind, halten alle Kinder ihr erstes selbst gebundenes Heft in den Händen – ein kleines Werk aus Papier, Faden und Kreativität, das weit mehr ist als nur ein Erinnerungsstück: Es erzählt von einem Vormittag voller Geduld, Gemeinschaft und der Freude am eigenen Können.