Ländliche Abgeschiedenheit trifft auf Grenzgänger, Fingerspitzengefühl, Alpakas und klare Strukturen: Wenn David Dinges von seinem Arbeitsalltag in der Intensivgruppe Taubenmühle des Bethanien Kinder- und Jugenddorfs Eltville erzählt, glänzen seine Augen. Dinges arbeitet seit sechs Jahren als Pädagoge in der Hunsrücker Intensivgruppe und möchte, trotz stetiger Herausforderungen, keinen Tag dort missen.
In der ehemaligen Mühle nahe Simmern werden Kinder aufgenommen, die durch das reguläre Hilfenetz der stationären Kinder- und Jugendhilfe nicht aufgefangen werden. „Aktuell sind bei uns sieben Jungs im Alter von 9-13 Jahren untergebracht“, erzählt Dinges. Eigentlich für sechs Kinder und Jugendliche ausgelegt, bietet die Gruppe ein sogenanntes „Auszeitzimmer“ für eine vorübergehende Beheimatung eines jungen Menschen. Der Bedarf an solchen Intensivangeboten ist hoch. Viele der hier untergebrachten Jungs wandeln häufig als „Grenzgänger“ zwischen Psychiatrie und Heimerziehung. „Aufgrund ihrer oftmals traumatischen Erlebnisse aus der Vergangenheit ecken sie in ihrer Umgebung an oder sind nicht beschulbar – herkömmliche Angebote der Kinder- und Jugendhilfe greifen hier meist nicht mehr“, sagt Kinderdorfleiter Thomas Kunz.
Was dann helfe, sei Abstand, so David Dinges. Abstand von den mitunter problematischen Familiensituationen oder einem gefährdenden Umfeld. „Die Taubenmühle ist ein sicherer Hafen, der gleichzeitig feste Strukturen vermittelt“, so der Pädagoge. Gemeinsam mit Teamleiter Johannes Erbes und den Kolleginnen und Kollegen schaut David Dinges, was die Kinder benötigen. Ein fester Tagesablauf und gemeinsame Aufgaben wie die Heuernte, die Pflege der zum Hof gehörenden Alpakas oder Zimmerputz gehören genauso dazu, wie regelmäßige sportliche Aktivitäten wie Mountainbiken oder Bogenschießen.
„Dabei lernen die Jungs, ihre Fähigkeiten und Grenzen auszuloten, Einsatzbereitschaft zu zeigen und mit Erfolg und Misserfolg umzugehen“, sagt Dinges. Gleichzeitig erfahren sie, was gegenseitiger Respekt bedeutet. Respekt sei ohnehin das Schlüsselwort im Umgang mit den Jugendlichen aber auch im Team miteinander und schließlich auch mit den vierbeinigen Bewohnern der Taubenmühle. „Unsere fünf Alpakas Jacky, Beat, Cappuccino, Sascha, Trixi sind aus unserem Konzept nicht mehr wegzudenken“, sagt David Dinges. Tiere begegnen Menschen grundsätzlich unvoreingenommen, eine Erfahrung, die viele der Jungs eher selten machen. „Außerdem spiegeln sie unser Verhalten. Sind wir nervös oder fahrig, lassen sich die Tiere weder führen noch streicheln.“
Nach der erfolgreichen Clearingphase entscheidet das Team unter Berücksichtigung der Hilfeplangespräche, die mit dem Jugendamt in regelmäßigen Abständen stattfinden, wie es für den jeweiligen Schützling weitergeht. „Heilpädagogische Gruppe, Regelwohngruppe oder zurück ins Zuhause – das sind die Optionen nach einem Aufenthalt in der Taubenmühle“, sagt Dinges. Ihn motiviert der gemeinsame Blick auf die Perspektiven der Jugendlichen. „Ich erinnere mich noch gut an einen unserer ersten Jungen, die wir direkt nach der Eröffnung unserer Gruppe mitten in der Pandemie aufgenommen haben. Er lebt mittlerweile bei seiner Mutter, macht eine Ausbildung und ist einfach ein
junger Mensch, der seinen Weg gegangen ist“, sagt David Dinges. Dass er und das Team der Taubenmühle an den richtigen Stellschrauben haben drehen können, mache alle glücklich. „Genau diese Erfolgsgeschichten schweißen uns auch als Team bei allen Herausforderungen, die das Intensivgruppenleben mit sich bringen, zusammen. Da wir täglich, wie die Kinder auch, gefordert sind, ist der geistige und körperliche Ausgleich unendlich wichtig“. Was Dinges auch im Beruf am liebsten macht: „Das Leben mit Neugier und einem erlebnispädagogischen Ansatz meistern!“